Juliregen
über das Aushalten von Gegensätzen und: du bist nicht allein
Es regnet. Gleichmäßig, unaufgeregt. Nach so vielen Tagen mit Hitze, blitzblauem Himmel und Sonne von fünf Uhr morgens bis 10 Uhr abends ist ein bedeckter Himmel fast so was wie Erleichterung. Damit wir uns nicht missverstehen: ich liebe den Sommer und ich finds fantastisch, so viel Sonne zu haben - aber ein paar Tage Pause, eine Abkühlung für die Haut und die Augen - das fühlt sich gut an.
Ich rede mit Freundinnen darüber, wie krass, wie herzzerreißend, es sich zur Zeit anfühlt, in der Welt zu sein. Auf der einen Seite zunehmende Gewalt und Grausamkeit, Sterben, Klimakatastrophen, der Angriff auf und die Aushöhlung von Rechten und Institutionen, die uns schützen sollten und das jetzt nicht mehr tun - und auf der anderen Seite die Arbeit, der Urlaub, Freibad mit den Kindern, Eis in der Sonne, der Morgenkaffee und die Sommerlektüre. Ich wache auf von Alpträumen, in denen Alligatoren durch die Straßen ziehen und hinter Hausecken lauern, und steigendes Wasser in mein Haus eindringt und ich verzweifelt nach Kindern suche, die verschwunden sind. Dann stehe ich auf, schaue durchs Fenster auf den ruhigen Wald, putze meine Zähne, sitze auf dem Balkon in der Morgensonne, schaue nach meinen Erdbeeren, höre einen Podcast oder Musik.
Manchmal habe ich das Gefühl, mein Kopf zerbricht; ich kann nicht beide Realitäten gleichzeitig halten. Geht es dir auch so? Wenn ja - du bist nicht allein. Das ändert zwar erst mal nichts, aber mir hilft dieses Wissen - “Ich bin nicht allein, meinen Freund*innen geht es genauso, ich verlier nicht den Verstand” - um meine Schultern ein kleines bischen sacken lassen zu können, kurz innezuhalten und atmen zu können. Ich bin nicht allein. Du bist nicht allein. Schultern lockern. Tief seufzen. Checken, dass der Atem im Bauch ankommt.

Draußen singen die Amseln, hopsen von Ast zu Ast, beobachten den Boden und machen sich bereit für die Regenwürmer. Die junge schwarze Katze, die vor kurzem in der Nachbarschaft aufgetaucht ist, sitzt unter dem Balkon der Nachbarin im Regenschatten und leckt sich die Pfoten und starrt dann mit vorwurfsvollen, gelben Augen in das Nass, dass vom Himmel fällt. Wasser läuft in die Regentonne und füllt sie auf. Der Wald sieht immer noch grün aus, aber mir scheint, als könne ich erste Ermüdungserscheinungen sehen. Im Pflaumenbaum leuchtet es rot und der Apfelbaum am Ende des Garten hat auch viele Früchte. Es wird wohl eine gute Ernte.
Ich schicke dir den Duft von Sommerregen und einen gemeinsamen tiefen Atemzug,
Antje
Einladung
Nimm dir 5 Minuten Zeit. Geh raus, in den Garten, auf den Balkon, oder wenigstens ans offene Fenster. Stell deinen Wecker. Dann leg alles aus der Hand - ja, auch das Handy! - und für diese 5 Minuten, achte einfach nur auf deinen Atem und auf deine Wahrnehmung. Was siehst du? Was hörst du? Was fühlst du? Was riechst du? Denk nicht groß drüber nach, mach keine Wertung, fang nicht an, dir selber Geschichten zu erzählen. Nimm einfach nur wahr, mach dir die Wahrnehmung bewußt und dann, lass es wieder los. Wenn der Wecker klingelt, schüttel dich aus und kehr zu deinem Alltag zurück.
P.S.: Hättest du Lust auf einen kleinen Sommergedicht-Workshop? Bischen mit Sprache spielen, mit allen Sinnen im Sommer sein… ganz ohne Druck, egal ob du denkst, du kannst “Schreiben” (Großbuchstabe für die Wichtigkeit, Gänsefüßchen für die Nicht-Wichtigkeit) oder nicht - einfach nur für den Spaß an der Sache. Maximal eine Stunde, auf Zoom.
Wenn eine paar Leute Lust haben, überleg ich mir einen Termin. ❤



